Bildung für Alle, oder Diskriminierung beim Hochschulzugang? – PD Dr. Martha Zapata & Annabell Daniel, M.A.

Rückblick 08.07. – Vortrag von PD Dr. Martha Zapata und Annabell Daniel, M.A. “Empirische Befunde zu Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft beim Hochschulzugang”

Martha Zapata (links) und Annabell Daniel (rechts)
Martha Zapata (links) und Annabell Daniel (rechts)

Das Recht auf Bildung und das Verbot auf Diskriminierung beim Hochschulzugang – zu die­sem Thema be­grüß­ten wir Annabell Daniel, M.A., die als wis­sen­schaft­li­che Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Empirische Bildungsforschung am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin tä­tig ist und PD Dr. Martha Zapata Galindo, wis­sen­schaft­li­che Mitarbeiterin am Bereich Geschlechterforschung des Lateinamerika Instituts der Freien Universität Berlin.

Ergebnisse bildungswissenschaftlicher Studien zur Situation in Deutschland

Die Situation in Deutschland wur­de zu­nächst ein­ge­hend von Annabell Daniel be­leuch­tet, die Befunde zum Zusammenhang zwi­schen dem Bildungsniveau der Eltern und dem Hochschulzugang der Kinder vor­stell­te. Verschiedene Untersuchungen konn­ten zei­gen, dass das Bildungsniveau der Eltern ei­nen be­deut­sa­men Einfluss auf den Bildungsweg der Kinder hat, wo­bei am Übergang in die Hochschule we­ni­ger die so­ge­nann­ten pri­mä­ren Disparitäten, die sich über die  Schulleistungen aus­wir­ken, son­dern viel­mehr die se­kun­dä­ren Disparitäten, die sich in dem zwi­schen Sozialschichten va­ri­ie­ren­den Entscheidungsverhalten äu­ßern, für die so­zia­len Ungleichheiten beim Zugang zu ter­tiä­rer Bildung ver­ant­wort­lich sind. Die Abwägung der wahr­ge­nom­me­nen Erträge, Kosten und sub­jek­ti­ven Erfolgswahrscheinlichkeiten ver­schie­de­ner Ausbildungswege führt bei Studienberechtigten aus nicht­aka­de­mi­schen Familien häu­fi­ger zu ei­ner Entscheidung ge­gen ein Universitätsstudium. Im Vergleich zu an­de­ren post­se­kun­dä­ren Ausbildungswegen wer­den die Kosten ei­nes Studiums oft zu hoch und die sub­jek­ti­ve Erfolgswahrscheinlichkeit, die Anforderungen des Studiums be­wäl­ti­gen zu kön­nen, zu ge­ring ein­ge­schätzt.

Bei Studienberechtigten aus Familien, in de­nen min­des­tens ein Elternteil ei­nen aka­de­mi­schen Abschluss be­sitzt, fällt die Entscheidung häu­fi­ger zu­guns­ten ei­nes Studiums aus, um ei­nen Statusverlust in der Familie zu ver­mei­den. Je mehr Bildungsentscheidungen im Laufe der Schullaufbahn ge­trof­fen wer­den müs­sen, um­so grö­ßer wer­den die so­zia­len Unterschiede bei den letzt­lich er­ziel­ten Bildungsabschlüssen, so dass es sich bei der Ungleichheit am Hochschulübergang um ei­nen ku­mu­la­ti­ven Effekt be­reits ge­trof­fe­ner Entscheidungen der Schullaufbahn han­delt. Mit der Öffnung des Bildungssystems, z. B. durch den Erwerb der Hochschulreife an be­ruf­li­chen Gymnasien kön­nen ver­stärkt Schülerinnen und Schüler aus nicht­aka­de­mi­schen Familien er­reicht und der Einfluss der so­zia­len Herkunft beim Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung so­wie bei der Studienaufnahme re­du­ziert wer­den.

ichts­des­to­trotz nimmt die Übergangsquote von Studienberechtigten mit nicht-akademischen Hintergrund im Zeitverlauf kon­ti­nu­ier­lich ab. Eine Erklärung hier­für wird dar­in ge­se­hen, dass Studienberechtigte aus nicht­aka­de­mi­schen Familien häu­fi­ger in ei­ne dua­le Berufsausbildung oder in semi-tertiäre Bildungsgänge an Berufsakademie ab­ge­lenkt wer­den. Während für Studienberechtigte aka­de­mi­scher Herkunft wis­sen­schaft­li­ches Arbeiten und das Verfolgen ei­ge­ner Interessen be­deut­sa­me Motive für die Bildungswahl dar­stel­len, sind für Studienberechtigte nicht­aka­de­mi­scher Herkunft die fi­nan­zi­el­le Unabhängigkeit, der Bezug zu prak­ti­schen Tätigkeiten so­wie die kur­ze Ausbildungsdauer ent­schei­den­de Motive, die mit ei­nem Übergang in ein Universitätsstudium je­doch eher ne­ga­tiv kor­re­liert sind.

Mit intersektionaler Perspektive Hochschulen in Lateinamerika untersuchen

Im Vergleich zu Deutschland sind in Lateinamerika die Probleme an­de­rer Natur wie uns Dr. Martha Zapata Galindo im Anschluss er­klär­te, da die Zahl der Studienplätze nicht aus­rei­chend und die da­mit ver­bun­de­nen Kosten oft sehr hoch sind, denn in Lateinamerika ist Hochschulbildung nicht im­mer un­ent­gelt­lich und die Privatisierung der Bildung mit Ausnahme von Argentinien schrei­tet schnell vor­an.

Die Ungleichheiten in Ländern wie bei­spiels­wei­se Brasilien neh­men schon viel frü­her ih­ren Lauf als erst bei der Bewerbung für die Universität. Familien aus hö­he­ren ge­sell­schaft­li­chen Schichten las­sen ih­ren Kindern ei­ne Ausbildung an an­ge­se­he­nen Privatschulen zu­teil­wer­den, wo­hin­ge­gen so­zi­al schwa­chen Schichten le­dig­lich die öf­fent­li­chen Schulen zur Verfügung ste­hen, was die Schüler auf­grund der ge­rin­gen fi­nan­zi­el­len Mittel und häu­fi­gen Überfüllung der Schulen schlech­ter auf die Aufnahmeprüfungen so­wie auf das Studium an der Universität vor­be­rei­tet.

Das mit­un­ter von Dr. Martha Zapata Galindo ge­lei­te­te Forschungsprojekt MISEAL er­hebt Daten dar­un­ter Geschlecht, Hautfarbe, Ethnizität, Alter, se­xu­el­le Orientierung und so­zia­ler Status zur Auswertung von Ausschlussmechanismen und Bekämpfung von Ungleichheiten. Ergebnisse sind bei­spiel­wei­se die deut­li­che hö­he­re Quote von „Schwarzen“ an öf­fent­li­chen Schulen auf­grund der af­fir­ma­ti­ven Aktionen der Regierungen, wel­che ei­nen ver­gleichs­wei­se nied­ri­gen Status im Vergleich zu pri­va­ten Schulen ha­ben. Ebenso ge­stal­tet sich der Zugang zu Bildung für Frauen aus ei­nem Haushalt mit ei­nem Einkommen von 5× Mindesteinkommen we­sent­lich schwie­ri­ger als der von Männern aus glei­chen Verhältnissen was den ge­schlech­ter­ba­sier­ten Rassismus in­ner­halb der so­zi­al schwa­chen Schichten deut­lich wer­den lässt. Maßnahmen, wie bei­spiels­wei­se in Brasilien die Einführung ei­ner Quote für Afrobrasilianer ver­su­chen die Ausschlussmechanismen au­ßer Kraft zu set­zen, schaf­fen je­doch neue ge­schlech­ter­ba­sier­te Ungleichheiten. Als wei­te­ren Lösungsansatz um den so­zio­öko­no­mi­schen Faktoren vor­zu­beu­gen, wur­de, eben­falls in Brasilien, ein Programm ent­wi­ckelt wel­ches ei­ne 20%-ige Aufnahme an der Universidade Estadual de Campinas von Studenten aus so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Milieus vor­sieht.

Für ihr Engagement für mehr Teilnahme an der Hochschulbildung in Lateinamerika er­hielt das Forschungsprojekt MISEAL den Margherita-von-Brentano Preis 2013 der Freien Universität Berlin.

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