Migration anders Verstehen – Erfahrungen aus Westafrika

Dr. Laurence Marfaing stellt Konzepte von Migration aus ihrer Forschung vor

Im Titel unserer diesjährigen Vorlesungsreihe steht nicht umsonst das Wort „weltweit“. Dass gerade Menschen, die nationalstaatliche Grenzen überqueren, auf besonderen Schutz ihrer Menschenrechte angewiesen sind, wurde zwar bei den bisherigen Vorträgen, am Beispiel von Flüchtlingen in Europa, besonders deutlich, aber Herausforderungen bestehen auch auf Wegen in anderen Regionen der Welt.

Dr. Laurence Marfaing vom German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg verschaffte uns Einblick in die Migrationsströme Westafrikas und teilte mit uns Erkenntnisse die sie aus dem Forschungsprojekt „Überlebensstrategie von Migranten in Transitstädten in Mali und Mauretanien“ (2008-2010) gewonnen hat.

Bild von Dr. Laurence Marfaing
Dr. Laurence Marfaing bei den Human Rights Lectures 2013

Zirkuläre Migration

Mali und Mauretanien sind Mitgliedsstaaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, die ähnlich wie die EU intern größere Mobilität durch freie Zirkulations- und Arbeitsrechte ermöglicht. Dies ist für die wirtschaftlichen Prozesse dieser Länder nötig und förderlich, da in einem hohen Maß zirkuläre Migration stattfindet. Viele Menschen bewegen sich zwischen Ländern wie Senegal, Mali und Mauretanien in teilweise jährlichen Zyklen, arbeiten und handeln während sie unterwegs sind. Die Aufenthaltsdauer ist oft unbestimmt, man reist hin und her, legt beliebig, je nach Arbeits- oder Geschäftsmöglichkeiten, Zwischenstationen ein und kehrt auch zu seiner Herkunftsregion regelmäßig zurück. Laurence Marfaing spricht von einem Zirkulationsraum, in dem Menschen in einer Netzwerkstruktur eingebunden sind, deren Ziel die Suche nach Ressourcen ist.

Mobilität ist normal

Dr. Marfaing macht deutlich, dass „Migration“ die Bewegungen in dieser Region nicht ausreichend beschreibt und benutzt daher den Begriff der Mobilität. Mobilität für Ressourcen sei ein zentraler Begriff um westafrikanischen Alltag zu verstehen, da er auch durch nomadische Traditionen geprägt ist und viele Menschen es im Zuge ihrer Arbeit, ihres Handelns oder Pilgerns gewohnt sind, länger unterwegs zu sein. Sesshafte Wirtschaft,verschärft oft durch lokale Krisen, reicht oftmals auch nicht mehr zum Überleben für Familien das ganze Jahr über aus.

Handwerkliche Kompetenzen von Menschen aus Senegal werden beispielsweise in Mauretanien gebraucht, da dort Mangel herrscht. Obwohl Mali und Mauretanien international als zwei der ärmsten Länder der Welt gelten, sind sie dennoch ein attraktiver Arbeitsmarkt für Afrikaner aus anderen Ländern und offen gegenüber Wanderarbeitern. Diese sind aber nur eine von vielen unterschiedlichen Gruppen von Menschen im Migrationsprozess, die sich in Mali und Mauretanien aufhalten, wie zum Beispiel Transitmigranten auf dem Weg nach Europa, Menschen die aus religiösen Gründen reisen, Flüchtlinge, dauerhafte Einwanderer, etc.

Die EU spielt auch hier eine wichtige Rolle

Die Europäische Union hat Mali und Mauretanien als Transitländer für Menschen deklariert, die nach Europa migrieren und setzt sich dementsprechend für Grenzkontrollen in diesen beiden Ländern ein. Tatsächlich sollen nur etwa zwischen 5% und 10% der afrikanischen regionalen Migrant_innen den Weg über Westafrika nach Europa nehmen. Auch Befragungen von Dr. Marfaing vor Ort haben ergeben, dass für einen Großteil der Menschen Mali und Mauretanien schon das Ziel sind, und nicht eine Station auf dem Weg nach Europa darstellen.

Dennoch fordert die EU von Mauretanien und Mali strengere Grenzkontrollen, denen diese Länder in Hoffnung auf finanzielle Hilfen nachgeben. Härtere Migrationskontrollen sind wiederum hinderlich für saisonale Arbeiter, die von denselben Ländern angeworben werden. Aufgrund der neuen Ausländerpolitik, deren Notwendigkeit fraglich ist, kann es zu diplomatischen Spannungen mit Nachbarländern sowie vermehrten fremdenfeindlichen Meldungen in der Presse. Polizisten nutzen die Kontrollen zumal oft für Erpressungen und eigenen Handel aus.

Grenzkontrollen im Sinne der EU stören förderliche Migrationsströme und machen es für die ECOWAS schwer, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Der Erfolg derselben bleibt dabei auch zu bezweifeln. Klar bleibt nach dem Vortrag von Dr. Marfaing jedoch, dass sie auf jeden Fall die Entwicklung in der Region stören, da durch die Mobilität Know-How-Austausch, Arbeits- und somit auch Verdienstmöglichkeiten erleichtert werden. Die EU Migrationspolitik widerspricht sich mit den Bemühungen in der Entwicklungszusammenarbeit und in Mali und Mauretanien fragt man sich zu Recht, wie die europäische Einstellung zu Migration im Zeitalter der Globalisierung erklärbar sei.


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