Wissen­schaft im Dienste der Menschen­rechts­ver­let­zungen des Nationalsozialismus – Dr. Christl Wickert

Rückblick 01.07. – Vortrag von Dr. Christl Wickert “Wissen­schaft im Dienste der Menschen­rechts­ver­let­zungen des Nationalsozialismus”

In der neun­ten Vorlesung der Human Rights Lectures sprach Dr. Christl Wickert über Wissenschaft im Dienste der Menschenrechtsverletzungen des Nationalsozialismus. Kernthema ih­res Vortrags war das Gesetz zur Verhütung erb­kran­ken Nachwuchses, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat und die Vorarbeiten des da­ma­li­gen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie (KWI), mensch­li­che Erblehre und Eugenik (heu­te: Ihnestraße 22) bei der Ausarbeitung des Gesetzes.

Sie gab ei­nen gu­ten Überblick über die Geschichte (des Gesetzes) und die Personen des KWIs, die dar­an be­tei­ligt wa­ren. Während sie ei­ner­seits stark auf die ein­zel­nen Biographien der Verantwortlichen und die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts ein­ging, so wa­ren auch das Gesetz selbst (bis zur Ende der NS-Zeit wur­den min­des­tens 400.000 Menschen zwangs­ste­ri­li­siert), die Einbettung in den his­to­ri­schen Kontext (die NS-Frauenideologie), so­wie die Auswirkungen bis heu­te wich­ti­ge Aspekte, die an­ge­spro­chen wur­den.

Es war er­schre­ckend zu er­fah­ren, dass das Gesetz bis 1974 be­stehen blieb, ob­wohl es sich nicht mit dem Grundgesetz ver­ein­ba­ren ließ. Des wei­te­ren trau­ten sich we­ni­ge der Opfer öf­fent­lich über ihr Trauma zu spre­chen, da sie bis 2007 nicht als Verfolgte des NS-Regimes an­er­kannt wur­den und so auch kein Recht auf Entschädigung hat­ten.

Ein wei­te­rer in­ter­es­san­ter Punkt, der spä­ter auch in der Diskussion im­mer wie­der auf­kam, war die Beteiligung von Richard Goldschmidt an der Ausarbeitung des Gesetzes im Jahre 1932 für das preu­ßi­sche Gesundheitsamt, denn Goldschmidt war Jude. Dieser Aspekt und ähn­li­che Gesetze in an­de­ren Ländern, wie z.B. Schweden, zeig­ten, dass die Debatte um die Verhütung erb­kran­ken Nachwuchses nicht ein rein na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sches Thema war, son­dern in die eu­ge­ni­schen Debatten der da­ma­li­gen Zeit ein­zu­ord­nen ist. Das Gesetz wur­de durch die Nationalsozialisten nur wei­ter ra­di­ka­li­siert.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit war ein wei­te­rer, da­nach dis­ku­tier­ter Punkt, denn die meis­ten Wissenschaftler wur­den für ih­re Arbeit für das NS-Regime (ob di­rekt oder in­di­rekt) nicht zur Rechenschaft ge­zo­gen und konn­ten ih­re Arbeit nach 1945 un­ge­stört fort­set­zen. Dies führ­te wei­ter zu der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaftler für ih­re Arbeiten bzw. de­ren Folgen. Denn sie soll­ten sich ih­rer Verantwortung be­wusst sein und müs­sen für ih­re Beiträge auch zur Rechenschaft ge­zo­gen wer­den.

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